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Eine Schule ohne Schüler: Präventivarbeit durch die Pestalozzi-Schule Husum

Die Pestalozzi-Schule Husum ist heute eine Schule ohne Schüler. Die 35 Förderschullehrkräfte des Förderzentrums unterrichten alle 294 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf seit dem Schuljahr 2008/09 inklusiv an den allgemeinbildenden Schulen des Verbundes. Darüber hinaus führen die Förderschullehrer zahlreiche Präventivmaßnahmen in Kindergärten und Schulen durch. Das Förderzentrum fokussiert sich auf die Schwerpunkte „Lernen“, „Sprache“ und „soziale und emotionale Entwicklung“, die Lehrkräfte fühlen sich aber für jeden Schüler des Verbundes verantwortlich.

Wir werden an der Iven-Agßen-Schule, die Teil des Schulverbundes um die Pestalozzi-Schule Husum ist, von mehreren Mitgliedern des Schulverbundes freundlich in Empfang genommen. Wir dürfen zu Beginn die so genannte FiSch- Klasse besuchen – die Bezeichnung „FiSch“ steht für „Familie in Schule“. Dabei begleiten Eltern in der Regel über einen Zeitraum von 12 Wochen einmal pro Woche ihre Kinder in die Schule, erzählt uns Frau Kirstin Henkens, Sonderschullehrerin in der FiSch-Klasse im Anschluss an die Unterrichtsstunde. Eltern würden an dem Begleittag in der Regel bei ihrer Arbeit freigestellt werden. Das Projekt sei für Kinder mit Lernschwierigkeiten gedacht, die durch die Elternbegleitung minimiert werden sollen. Schüler sowie Eltern erleben dabei Erfolgserlebnisse. Neuer Mut und neue Motivation können bei allen Beteiligten gefasst werden. Wir empfinden die Stimmung in der Klasse als äußerst wertschätzend und aufbauend – die Lehrer verteilen sehr viel Lob und Anerkennung und alle reflektieren gemeinsam und behutsam die Arbeitsphasen und das Sozialverhalten der Kinder. Begleitet werden Eltern und Schüler durch ein Lehrertandem bestehend aus Grund- und Förderschullehrkraft. Nicht nur die Kinder können hier etwas lernen – auch die Eltern erfahren, wie ihr Kind aus einer anderen Perspektive wahrgenommen wird. In der von uns besuchten Unterrichtsstunde werden dafür die Eltern während einer Arbeitsphase „getauscht“. Auf diese Weise sehen die Eltern, wie andere ihr Kind bezüglich ihres Arbeitsverhaltens einschätzen und bekommen dadurch beispielsweise auch gespiegelt, sollten sie mit ihrem eigenen Kind zeitweise zu streng sein.

Sprachsensibler Mathematikunterricht an der Iven-Agßen-Schule Husum.
Sprachsensibler Mathematikunterricht an der Iven-Agßen-Schule Husum.

Im Anschluss an die erste Unterrichtshospitation sind wir in der sogenannten Sprachheilklasse zu Gast. Hier dürfen wir sprachsensiblen Mathematikunterricht beobachten: „Was ist länger, das Lineal oder der Stift?“ – „Das Lineal ist länger als der Stift.“ – „Richtig! Gut gemacht!“. Die Aufgabe, Maße von Gegenständen herauszufinden, bietet neben dem Lernen eines mathematischen Verständnisses, einen hervorragenden Gesprächsanlass, um das mündliche Formulieren von ganzen Sätzen zu erlernen. In der Sprachheil-Grundschulklasse werden Schülerinnen und Schüler mit Sprachverzögerungen gemeinsam unterrichtet, um eine wohnortnahe Beschulung auch weiterhin gewährleisten zu können. Dadurch werde den Kindern ein Wechsel auf ein weit entferntes, spezielles Sprachheilinternat erspart, erzählt uns die Sonderschullehrerin Beate von Lardon, die die Sprachheilkasse begleitet. Auch hier werden die Grundschüler im Lehrertandem aus Grundschul- und Sonderschullehrerin begleitet. Die präventive Sprachförderarbeit der Förderschullehrkräfte beginne allerdings schon viel früher, erfahren wir im Anschluss an den Unterrichtsbesuch von Frau von Lardon. Die Lehrer der Pestalozzi-Schule würden mit der Sprachförderung bereits in den knapp 30 umliegenden Kindergärten beginnen. Dabei seien sechs Lehrkräfte mit der Qualifikation „Deutsch als Zweitsprache“ für die Sprachheilförderung von Kindern im vorschulischen Bereich verantwortlich. Diese Qualifizierung ermögliche es weiterhin auch Schüler mit Migrationshintergrund angemessen zu fördern. Die Lehrkräfte des Förderzentrums seien damit das Bindeglied für einen besseren Übergang für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf, berichtet uns Frau von Lardon.

Nach der spannendenden Mathematikstunde gibt es eine gemeinsame Vorstellungsrunde und ein anschließendes, offenes Gespräch mit mehreren Schulleitern und einigen weiteren Lehrerkollegen, die dem Schulverbund angehören. Wir sprechen über die jeweiligen Konzepte und speziellen Förderprojekte an den Schulen und erhalten Informationen über die Vorzüge eines gemeinsamen Austausches innerhalb der eigenen Profession. Diese werde dadurch sichergestellt, dass sich das Team aus Förderschullehrern regelmäßig an der Pestalozzi-Schule für gemeinsame Schulkonferenzen und Arbeitskreise zu verschiedenen Arbeitsschwerpunkten treffe. Trotzdem seien die 35 Förderschullehrkräfte jeweils vor Ort an ihren jeweiligen Schulstandorten fest in die Teams integriert und aus diesem Grund, in der Regel, nur an einer Schule eingesetzt. Dieses erreiche man durch die Einführung von sogenannten „Lehrer-Tandems“, bestehend aus Regelschul- und Förderschullehrkraft an jeder Schule, sodass die Lehrkräfte des Förderzentrums ihre sonderpädagogische Kompetenz an den Regelschulen des Verbunds einbringen können. Nach ihrem eigenen Selbstverständnis fühlen sich die Lehrkräfte des Förderzentrums für alle 4800 Schüler im Einzugsgebiet verantwortlich, sagt die Koordinatorin für Inklusion am Förderzentrum, Frau Simone Bock. So könnten sie an den jeweiligen Schulen vor Ort selbst entscheiden, welche Schüler zu welchem Zeitpunkt eine intensive Unterstützung benötigen – Dieses müssten aber nicht zwingend immer nur die Schüler mit einem sonderpädagogischem Förderbedarf sein. Im Gespräch mit den Lehrern erfahren wir auch, dass zu dem Einzugsgebiet des Schulverbundes ebenfalls die Insel Pellworm und die Hallig Langeness gehören. Die Lehrer müssten zu den Konferenzen mit der Fähre anreisen und tun dieses auch gerne, weil sich der Austausch innerhalb der eigenen Profession einfach lohne, erzählt uns die Sonderpädagogin Anna-Maria Laage, die als Lehrerin auf der Insel Pellworm tätig ist.

Im Anschluss an den ersten Schulbesuch an der Iven-Agßen-Schule und dem aufschlussreichen und ausführlichen Gespräch mit den Lehrkräften, dürfen wir das eigentliche Herzstück des Verbundes kennen lernen: Die Pestalozzi-Schule Husum. Dieser gehören 17 Schulen sämtlicher Schulformen im nördlichen Nordfriesland an. Das Förderzentrum stellt seine Förderschullehrkräfte den umliegenden Regelschulen zur Verfügung, um eine inklusive und wohnortnahe Beschulung der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu gewährleisten. Die Kooperation im Verbund wird durch Kooperationsvereinbarungen der Schulen mit dem Förderzentrum geregelt. Diese enthalten auch Regelungen für die Zusammenarbeit der Kollegien in den Regelschulen mit den Lehrkräften des Förderzentrums, erfahren wir von Frau Bock, die uns den gesamten Tag über begleitet und uns die unterschiedlichen Projekte des Schulverbundes vorstellt.

Von ihr erfahren wir auch, dass die Förderschullehrkräfte der Pestalozzi-Schule mit einem eigens entwickelten „präventiven Förderplan“ in den Schulen arbeiten. Dieser werde bei Bedarf für einzelne Schüler zu Beginn der Grundschule nach Rücksprache mit den Grundschullehrkräften und Eltern angelegt, um auf diese Weise durch frühzeitige und gezielte Förderplanarbeit die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs zu vermeiden. Der sonderpädagogische Förderbedarf werde im Förderschwerpunkt „Lernen“ für die Schüler nur noch nach einer lernprozessbegleitenden Diagnostik über mindestens ein Schuljahr festgelegt und die Einrichtung von sogenannten „Flex-Klassen“ führe dazu, dass bei immer mehr Schülern der sonderpädagogische Förderbedarf aberkannt und mindestens der Hauptschulabschluss erreicht werden könne. Auf diese Weise schaffe es das Förderzentrum, die sonderpädagogischen Feststellungsgutachten besonders im Förderschwerpunkt „Lernen“ zu reduzieren.

Am kommenden Morgen sind wir in der Gesamtschule in Mildstedt zu Gast, die ebenfalls Teil des Schulverbundes ist, um die Besonderheiten und die innovativen Projekte des Schulverbundes kennen zu lernen. Der Schulleiter, Herr Stefan Knoll, und Frau Bock begrüßen uns herzlich und wir hospitieren im Anschluss im Deutschunterricht der fünften Klasse, die inklusiv arbeitet. Thema der heutigen Stunde ist die Lektüre eines Romans, der aus der Perspektive eines Flüchtlings verfasst wurde. Die Kinder sind mit Eifer dabei und fühlen sich sichtlich in die aussichtlose Lage des Protagonisten ein. Im Anschluss an eine Lektüre-Phase erfolgt eine Freiarbeitsphase mit selbst gewählten Lernmaterialien und kooperativen Lernformen. Je nach Zugang wählen die Schüler unterschiedliche Arbeitsaufgaben im unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad aus, die sie gemeinsam bearbeiten dürfen.

Wir sind an diesem Tag auch in der Grundschulprojektklasse „Mini-UNO-letzte-Karte“, die in Kooperation mit der „Schulischen Erziehungshilfe“ im Kreis Nordfriesland eingerichtet worden ist. Hier werden Schüler unterrichtet, die in ihren jeweiligen Systemen als nicht mehr beschulbar gelten und denen hier ein erneutes, vorsichtig angebahntes unterrichtliches Angebot unterbreitet wird, erzählt uns der Schulleiter Herr Knoll. Den Schülern solle hier wieder eine Teilnahme am Unterrichtsvormittag ermöglicht werden. Die Dauer der Maßnahme sei in der Regel auf ein Jahr begrenzt, denn eine Reintegration in die zuständige Grundschule sei dabei weiterhin das langfristige Ziel. Frau Bock informiert uns, bevor wir die Klasse betreten, darüber, dass wir sehen müssten, ob es heute möglich sei, dass Gäste mit in den Unterricht kommen; dieses sei nur dann möglich, wenn sich die Kinder, je nach Tagesform, nicht zu sehr von uns gestört fühlten. Wir betreten behutsam und langsam die Klasse und ein Junge versteckt sich auch gleich hinter seinem Buch. Doch nach kurzer Zeit akzeptieren die Kinder unsere Anwesenheit und fahren mit ihren Tätigkeiten fort. Eine Schulbegleitung erzählt uns, dass wir Glück hätten, so eine ruhige Klasse vorzufinden.

Zu Gast ist an diesem Tag auch die Schulrätin, Frau Astrid Finger, die Hand in Hand mit der Pestalozzischule Husum arbeitet. Davon dürfen wir uns heute selbst ein Bild machen. Zu einer offenen Gesprächsrunde sind Frau Finger, Frau Wulff vom Kompass Friedrichstadt, Frau Lau, Frau von Lardon, Frau Bock vom FöZ und wir eingeladen. Auch die Schulleitung der Gesamtschule Mildstedt ist mit dabei. Sowohl Frau Finger als auch Frau Wulff berichten uns von einer hervorragenden, systemisch fest verankerten Zusammenarbeit mit der Pestalozzischule Husum, die in den vergangenen Jahren zunehmend gewachsen sei. Inklusion funktioniere hier so vorbildlich, weil alle Beteiligten an einem Strang ziehen: Die Politik unterstützt die Schule und andersherum; Absprachen erfolgen immer zeitnah und man suche für auftretende Probleme immer gemeinsam und konstruktiv nach Lösungen. Die Stimmung im Raum ist offen und locker, man kennt und vertraut sich gegenseitig.

Im Anschluss an die eindrucksvolle und offene Gesprächsrunde besuchen wir noch einmal die Pestalozzischule Husum. Hier wurden zwei Projektklassen der „schulischen Erziehungshilfe“ eingerichtet. In beiden Klassen werden Schüler mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“ unterrichtet, die längere Phasen einer Schulabstinenz hinter sich haben. Durch individuelle Wochenpläne, die auch außerschulische Lernräume umfassen, wird den Schülern ein niedrigschwelliges Angebot gemacht, behutsam in den Schulalltag zurückzukehren, erfahren wir von Frau Bock. Die Projektklassen seien deshalb im Gebäude der Pestalozzi-Schule Husum angesiedelt, da die ruhige Atmosphäre den Schülern Sicherheit gebe und sie hier entspannt lernen können, sich langsam wieder im Schulalltag zu Recht zu finden, erzählt uns Klassenlehrer Frank Dammann. Alle Projekte seien temporär ausgerichtet – langfristiges Ziel der Projekte sei die Reintegration in die wohnortnahe Beschulung. Wir dürfen in beiden Klassen mit den Kindern sprechen und sie können sehr genau artikulieren, was sie an den alten Schulen gestört habe: Es sei an den Regelschulen reizüberflutend gewesen, die vielen Eindrücke hätten sie teilweise erschlagen. Hier dagegen gebe es die Möglichkeit, im eigenen Tempo zu lernen und die Schwerpunkte dabei selbst zu setzen, um eigens gesetzte Ziele zu erreichen, erzählen uns die Schüler in mehreren Gesprächen. Viele Kinder, so scheint es, haben hier neuen Mut gefasst, wollen ihren Hauptschulabschluss doch noch erreichen, aber eben aus eigenem Antrieb und nicht, weil es ihnen von außen aufoktroyiert wurde. Die gemeinsame Haltung der Pestalozzischule, „kein Kind verloren zu geben“, können wir in diesen beiden Klassen persönlich nachempfinden. Die Lehrer begegnen den Kindern mit festen Regeln und Ritualen, aber auch mit viel Geduld, Gelassenheit und einer fortlaufenden positiven Grundstimmung. Es sei dabei ganz egal, was eventuell in den letzten Tagen vorgefallen ist. Das Klima ist wertschätzend, lobend und aufbauend, sodass die Schüler nach und nach ihr Selbstwertgefühl wieder aufbauen können.

Im Abschlussgespräch mit mehreren Vertretern der Pestalozzischule und weiteren Verbundpartnern der Erziehungshilfe und dem Diakonischen Werk, wird nur noch einmal unser Eindruck gestärkt, dass gelingende Inklusion allein durch ein breit angelegtes Netzwerk unterschiedlicher Professionen und Institutionen funktionieren kann, welches hier eindrücklich geschaffen wurde. Alle tragen ihren Teil dazu bei, dass inklusives Arbeiten erfolgreich ist und unterstützen sich dabei wechselseitig.

Nach zwei intensiven Hospitationstagen in Husum wird in beeindruckender Weise sichtbar, wie beispielhafte Inklusion nur durch ein breit angelegtes Netzwerk gelingen und gleichzeitig die unerlässliche sonderpädagogische Expertise erhalten bleiben kann, wenn alle Beteiligten bereit dafür sind veränderte Strukturen zu durchbrechen und gemeinsam zu überwinden.

 

 

Link zur Homepage des Förderzentrums Husum: http://www.foerderzentrum-husum.de/

 


Kommentare

  1. / von Uta Reimann-Höhn

    Das individuelle Eingehen und Fördern von Kindern ist immens wichtig, wenn aus jeder kleinen Persönlichkeit ein optimal entwickelter Mensch werden soll. Das gilt für jede Schule und jedes Kind. An den Ressourcen arbeiten, die Eltern einbeziehen und als Lehrer sich nicht immer gleich persönlich angegriffen fühlen – das wäre eine paradiesische Schule. Leider ist es nicht immer so, wie ich in meiner über 30jährigen Erfahrung in der Lerntherapie http://www.lernfoerderung.de erfahren musste und muss. Viele Kinder gehen an der Schule kaputt, wenn sie nicht ins Raster passen. Die landen dann u.a. in meinem Institut – wir arbeiten so… http://www.reimann-hoehn.de

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