„Schule in Corona-Zeit“ – Teil 2

In unserer Serie über die seit der Corona-bedingten Schulschließungen veröffentlichten Studien- und Umfrageergebnisse rund um Schule und Lernen in Corona-Zeiten schauen wir heute auf die Frage, wie und womit Schülerinnen und Schüler zu Hause lernen. Neben der digitalen Ausstattung der Haushalte zeigt sich, dass die Versorgung der Schülerinnen und Schüler mit Materialien je nach Schulform und Jahrgangsstufe deutliche Unterschiede aufweist. Eltern begleiten das Lernen ihrer Kinder nach Möglichkeit intensiv, eine (knappe) Mehrheit zeigt sich zufrieden mit der Organisation des Lernens und der Kommunikation durch die Schule. Gleichwohl wünschen sie sich mehr Unterstützung. Vor allem ältere Schülerinnen und Schüler tauschen sich zudem mit Klassenkameraden aus und suchen so nach einer Alternative zur sozialen Komponente des Lernens.

Von Arbeitsblatt bis Videotool: Wie Homeschooling in Zeiten von Corona abläuft

Erinnern wir uns an unseren jüngsten Blogbeitrag zur digitalen Ausstattung: Das deutsche Schulbarometer Spezial[1], eine repräsentative Befragung von Lehrkräften, zeigt, dass 28 Prozent der Lehrkräfte den Mangel an digitaler Ausstattung bei den Schülerinnen und Schülern als aktuell größte Herausforderung sehen.

Vielleicht auch deshalb macht zu Beginn der Corona-Schulschließungen etwa ein Drittel der Lehrkräfte den Schüler:innen das Arbeitsmaterial auf analogem Weg zugänglich. Vor allem an Grundschulen nutzen 57 Prozent aller Lehrkräfte die Post oder stellen das Material zur Abholung bereit. An weiterführenden Schulen fällt dieser Anteil deutlich geringer aus: Zwei Drittel aller Lehrkräfte versenden die Materialien per Mail; vier von zehn Lehrkräften nutzen eine digitale Plattform, gut ein Viertel greift auf die schuleigene Webseite zurück. 13 Prozent der Lehrkräfte verschicken ihr Material über die sozialen Medien.

Material – das bedeutet in überwiegendem Maße Arbeitsblätter: Über alle Schulformen hinweg geben acht von zehn Lehrkräften an, die Schüler:innen mit klassischen Aufgabenblättern zu versorgen. Erklärvideos finden bei 40 Prozent der Lehrkräfte Anwendung – an weiterführenden Schulen häufiger als an Grundschulen. Weitere Lernmaterialien und Lernsettings finden sich eher selten: Präsentationen gehören bei 17 Prozent zum Unterrichtsrepertoire in Homeschooling-Zeiten, Videokonferenzen bieten 14 Prozent an. Formate wie Schreibkonferenzen, Audiokonferenzen, Lernsoftware oder Lernapps schließlich nutzen jeweils weniger als 10 Prozent der Lehrkräfte.

Zufrieden mit der Arbeit der Schulen? Was Eltern über das heimische Lernen denken

Eltern sind laut Umfrage der Vodafone-Stiftung[2] kurz vor den Osterferien mehrheitlich (57 %) zufrieden mit der Organisation des Lernens durch die Schule, und geben über alle Schulformen an, ihr Kind erhalte täglich oder mehrmals pro Woche Arbeitsblätter per E-Mail (74 %). Jeweils 46 Prozent berichten von mehrfach wöchentlichen Aufgaben auf der Homepage der Schule oder auf einer Lernplattform, in 15 Prozent der Fälle kommt mehrmals pro Woche Unterricht via Videotools zum Einsatz. Im Schnitt entspricht dies etwa einer täglichen Lernzeit von zwei bis drei Stunden. Das passt in etwa zur Elternangabe in anderen Studien, nach denen etwa drei Stunden Lernbegleitung pro Tag durch die Eltern geleistet wird. 71 Prozent der Eltern kommen, zumindest für kurze Zeit, gut zurecht mit der Organisation des Lernens, 84 Prozent genießen die Mehrzeit mit den Kindern und 67 Prozent finden es gut, mehr über die Schule und das Lernen ihrer Kinder zu erfahren. Gleichwohl gibt es in fast der Hälfte der Elternhäuser häufiger Streit wegen des Lernens; vor allem in Familien mit niedrigem Bildungsniveau geben 46 Prozent der Eltern an, ihnen fehle für die Unterstützung ihres Kindes das notwendige Wissen.

Feedback – Fehlanzeige? Wie Lehrkräfte Kontakt mit ihren SchülerInnen halten

Hier wären die Lehrkräfte gefragt, doch über den Materialversand hinaus ist der direkte Kontakt zwischen Schüler:innen und Lehrkräften sehr unterschiedlich: Laut Medienpädagogischem Forschungsverbund Südwest (mpfs)[3] haben etwa 30 Prozent aller Schüler:innen zwar zu Beginn der Schulschließungen Aufgaben zur Bearbeitung erhalten, seitdem aber kaum Kontakt mit ihren Lehrkräften gehabt. Dem deutschen Schulbarometer zufolge versuchen Lehrkräfte, den Kontakt zu den Familien vor allem per E-Mail (79 %, Mehrfachantworten waren möglich) zu halten. 46 Prozent nutzen unter anderem das Telefon, jeweils etwa 30 Prozent die schuleigene Website oder soziale Medien. Dabei sind 38 Prozent der befragten Lehrkräfte regelmäßig mit „fast allen“, 22 Prozent der Lehrkräfte mit der Hälfte, 37 Prozent mit weniger bis sehr wenig Schüler:innen in Kontakt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch: Ein Feedback zu Material und Unterstützung hat sich zum Zeitpunkt der Befragung bereits ein knappes Drittel (27 %) der Lehrkräfte eingeholt. 11 Prozent planen eine systematische Rückmeldung, weitere 49 Prozent allerdings planen keine Evaluation der eigenen Arbeit in Zeiten der Schulschließungen. Dabei zeigt auch die Umfrage der Telekom[4], dass Schüler:innen neben dem Austausch mit den Mitschüler:innen die persönliche Unterstützung und das Feedback der Lehrkräfte am meisten vermissen.

YouTube als moderne Form des undifferenzierten Frontalunterrichts? Wie Schülerinnen und Schüler sich selber Erklärungen suchen

Der Jim-Studie vom MPFS zufolge finden Schüler:innen durchaus eine Alternative zu den Erläuterungen, die sie in der Schule eigentlich durch die Lehrkraft erhalten würden: Auf die Frage, wer ihnen denn beim Lernen helfe, antwortet etwa die Hälfte der befragten 13- bis 19-Jährigen, dass sie sich im Chat mit Freunden zum Lerninhalt austauschen. Immerhin 45 Prozent nutzen Tutorials im Internet. Genauer nachgefragt, führt hier YouTube die Rangliste der unterstützenden Medienangebote an: 83 Prozent nutzen die Videoplattform fürs Lernen, mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen findet die benötigten Informationen zudem bei Wikipedia. Etwa ein Viertel der 12- bis 19-Jährigen greift auf TV-Sendungen zurück und schaut Wissens- und Schulsendungen per Mediathek. Und je nach Alter greift auch die familiäre Unterstützung: Über alle Befragten hinweg bitten 43 Prozent ihre Eltern um Hilfe beim Lernen – unter den 12- bis 13-Jährigen liegt der entsprechende Anteil bei 90 Prozent.

Wirkliche Digitalisierung findet im Prinzip nicht statt – Warum Chancen (noch nicht) genutzt werden

Die flächendeckende Schulschließung richtet wie keine andere Situation den Fokus auf die Bedeutung von digitalem Lernen. Allerdings sind Schulen und Lehrkräfte – und das zeigen die aktuellen Umfragen sehr deutlich – auf onlinebasiertes Lernen nicht vorbereitet: Nach wie vor werden die digitalen Medien eher für die Materialverteilung bzw. den Materialzugang genutzt, E-Mails treten an die Stelle von Postversand. Die Möglichkeiten des asynchronen Lernens, z. B. über einen vorbereiteten Input per Video, kommen nur sehr selten zur Anwendung, Arbeitsblätter werden nicht selten ohne weitere Erläuterung oder weitere didaktische Aufbereitung verschickt. Unterricht z. B. im Flipped Classroom-Design oder per Livestream wird kaum angeboten. Stattdessen verschaffen sich findige Schülerinnen und Schüler selbstständig Zugang zu einer aus ihrer Sicht geeigneten medialen Instruktion. Kann passen – muss aber nicht. Und hängt einmal mehr diejenigen ab, die nicht über eine solche Eigeninitiative verfügen, keine entsprechenden Endgeräte nutzen dürfen/können oder es schlicht (noch) nicht können. Wenn Lehrkräfte keinen Kontakt zu Schüler:innen halten, kein Feedback geben und – im ungünstigsten Fall – auch die Eltern inhaltlich wie organisatorisch damit überfordert sind, das Lernen ihrer Kinder zu unterstützen, dann wird die Schere zwischen den sozialen Schichten immer größer. Und das gilt es zu vermeiden.

Was wir aus der aktuellen Krise für das kurz- und mittelfristige Lernen ableiten können

Die aktuellen Schulschließungen und die in den kommenden Wochen und Monaten folgenden Mischungen aus tageweisem Präsenzunterricht und Homeschooling bieten eine ganze Reihe von Möglichkeiten, aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen: Stellen wir uns Schulen und Lehrkräfte vor, die – durch die Medienzentren in ihrer Region unterstützt – Erklärvideos für die Schüler:innen zur Verfügung stellen. Diese müssen nicht aufwändig selbst produziert werden. YouTube-Videos und Wissenssendungen sollten jedoch sinnvoll vorausgewählt werden, sodass die Inhalte für Schüler:innen gut erläutert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Idealerweise sind dies mehrere Videos zum gleichen Thema, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schüler:innen Rechnung zu tragen. Diese Videos stellen die Schulen bzw. Lehrkräfte auf eine Plattform, zusammen mit dazu passenden Arbeitsblättern, die von Schüler:innen über ein – von der Landesregierung für alle Schüler:innen bereitgestelltes  – Tablet bearbeitet werden können. Stellen wir uns weiter vor, dass die (zurzeit wenigen) Präsenzzeiten in der Schule vorwiegend dafür genutzt werden, den Umgang mit der Technik zu sichern und die Fragen zu den zuhause vorbereiteten Themen im Klassenverbund so zu diskutieren, dass alle die Inhalte verstanden haben. Und stellen wir uns dann noch vor, dass die Schüler:innen, die mehr Hilfe benötigen, zusätzliche Präsenzzeit erhalten. Im Rahmen dieser, nennen wir es “erweiterten Notbetreuung“, könnten sie mit Lehrkräften und/ oder dem weiteren pädagogischen Personal der Schule, z. B. aus dem Ganztag, daran arbeiten, durch gezielte individuelle Förderung den Anschluss zu schaffen. Wir können uns das als ersten Schritt hin zu einem digital unterstützten Lernen in Corona-Zeiten, vielleicht erst einmal bis zu den Sommerferien, durchaus vorstellen – Sie auch?

 

[1] https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/
[2] https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2020/04/Vodafone-Stiftung-Deutschland_Studie_Unter_Druck.pdf
[3] https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/JIMplus_2020/JIMplus_2020_Corona.pdf
[4]https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/Ergebnisbericht-Homeschooling.pdf, erhoben vom 19. bis 24. April 2020


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