„Schule in Corona-Zeit“ – Teil 3

Hört man sich im Freundes- und Bekanntenkreis zum Thema Homeschooling um, gehen die Meinungen weit auseinander: Während von manchen Seiten eine fehlende Versorgung der Kinder mit Schulaufgaben bemängelt wird, empfinden andere wiederum, dass die Kinder im Distanzlernen zu viel zu tun hätten. Während manche vor allem die gewonnene Zeit mit den Kindern als positiv empfinden, verzweifeln andere an der Aufgabe, im Homeoffice zu arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder täglich im Lernprozess zu unterstützen. Viele Umfragen der vergangenen Wochen und Monate haben unter anderem auch den Zeitaufwand der Kinder und Jugendlichen für schulische Aufgaben im Distanzlernen sowie auch die zeitliche Unterstützung durch die Eltern beleuchtet. Die Datenlage dazu wollen wir im heutigen Blogbeitrag etwas genauer betrachten.

Große Unterschiede beim Zeitaufwand für schulische Aufgaben

Eine Befragung der Vodafone Stiftung[1] vor den Osterferien hat gezeigt, dass Schüler:innen im Durchschnitt zwei bis drei Stunden pro Tag mit schulischen Aktivitäten verbringen. Eine aktuelle Befragung der Telekom Stiftung[2] unter Jugendlichen bestätigt dieses Bild und kommt zu dem Ergebnis, dass die Jugendlichen im Schnitt 3,5 Stunden pro Tag aufwenden. Dabei geben alle Schülerinnen und Schüler an, dass sie aktuell Unterricht in Deutsch, Mathematik und ihrer ersten Fremdsprache haben. Bei den anderen Fächern fallen diese Zahlen deutlich geringer aus. So geben etwa nur 32 Prozent der Schüler:innen an, aktuell auch in Politik unterrichtet zu werden. Starke Unterschiede bezüglich des täglichen Lernaufwandes zeigen sich, wenn man die schulischen Leistungen der Schüler:innen sowie auch die entsprechende Schulstufe und -form miteinbezieht.

Gymnasiast:innen und leistungsstarke Schüler:innen wenden mehr Zeit auf

Zahlen des IAB[3] zeigen, dass weitaus mehr als jeder dritte Jugendliche weniger als zwei Stunden pro Tag für Schulaktivitäten aufwendet, also deutlich weniger als an einem regulären Schultag. Die Befragung der Telekom Stiftung zeichnet ein etwas optimistischeres Bild. Hiernach verbringen immerhin 63 Prozent der Gymnasiast:innen vier oder mehr Stunden pro Tag mit schulischen Aufgaben. Dies trifft jedoch nur auf 44 Prozent der Hauptschüler:innen sowie 52 Prozent der Grundschüler:innen zu[4]. Hinsichtlich der Unterscheidungen nach Geschlecht und sozioökonomischem Hintergrund kommen die bisherigen Befragungen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, daher lässt sich hier bisher kein eindeutiges Bild zeichnen. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass die im Durchschnitt zu Hause aufgewendete Zeit für schulische Aktivitäten deutlich geringer ausfällt als der normale Präsenzunterricht in der Schule.
Allerdings sagt die reine Stundenzahl noch nichts über die Intensität und Qualität des Lernens aus. Es wäre theoretisch möglich, dass leistungsstarke Jugendliche den vorgesehenen Lernstoff mit einem geringeren Stundenpensum als im Schulkontext bewältigen können. Gegen diese Annahme spricht, dass Befragte mit geringerem Leistungsniveau (unter einem Notendurchschnitt von 2,5 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch) deutlich weniger Zeit für die Schule aufwenden.

Eltern und Lehrkräfte sind gefordert

Eine Gegenüberstellung mit dem Zeitaufwand der Eltern für die Lernbegleitung ihrer Kinder zuhause lässt annehmen, dass die Schülerinnen und Schüler beim Lernen daheim die meiste Zeit von ihren Eltern betreut werden. Im Durchschnitt geben die Eltern an, fast drei Stunden pro Tag für die Unterstützung ihrer Kinder beim Lernen aufzuwenden. Dieser Zeitaufwand variiert nur geringfügig je nach Alter und Schulform der Kinder. Bei Eltern von Kindern an Gymnasien ist der zeitliche Aufwand etwas geringer als bei denen, deren Kinder eine andere weiterführende Schule oder eine Grundschule besuchen. Da viele Eltern diese Zeit neben ihrer Tätigkeit im Homeoffice aufwenden, führt dies notwendigerweise zu einer starken Belastungssituation. Ein etwas überraschendes Bild bezüglich des veränderten Arbeitsaufwandes für Lehrkräfte zeichnet das Deutsche Schulbarometer[5] In der repräsentativen Umfrage unter rund 1000 Lehrkräften gaben lediglich 28 Prozent an, dass ihr Arbeitsaufwand während der Schulschließungen durch Corona höher sei als zuvor. Etwas mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Lehrkräfte aus Grundschulen geben an, dass ihr Arbeitsaufwand nun geringer als zuvor sei. Dies trifft auf 44 Prozent der Lehrkräfte aus Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie ,,nur‘‘ 31 Prozent der Lehrkräfte aus Gymnasien zu. Die bisherigen empirischen Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass gerade das Engagement von Lehrkräften die aufgewendete Zeit von Schülerinnen und Schülern entscheidend beeinflussen kann.

Es braucht regelmäßige Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler:innen

Setzt man den Zeitaufwand für Lernaktivitäten in Bezug zum digitalen Lernangebot der Schule, zeigt sich, dass Schülerinnen und Schüler, die häufiger Lehrmaterialien bekommen, mehr Zeit für die Schule aufwenden. Von den Jugendlichen, die nach eigenen Angaben seltener als einmal pro Woche Material oder Lernangebote von der Schule erhalten, verwendet über die Hälfte weniger als zwei Stunden pro Tag für die Schule. Unter denjenigen, die täglich Lehrmaterialien erhalten, gilt dies nur für ein knappes Drittel der Befragten. Natürlich ist denkbar, dass manche Schülerinnen und Schüler selbst bei regelmäßiger Versorgung mit Unterrichtsmaterial weiterhin wenig Zeit in die Schule investieren.
Wichtig ist hier vor allem auch die didaktische Aufbereitung der Lernmaterialen durch die Lehrkräfte. Sind diese entsprechend auf die individuelle Situation und Lernziele der Schüler:innen ausgerichtet, rückt auch der reine Zeitfaktor in den Hintergrund.
Ebenso wichtig ist jedoch, dass Schulen nicht nur Lehrmaterialien bereitstellen, sondern auch verstärkt in Interaktion mit den Jugendlichen treten. So könnte nicht nur der Lernerfolg kontrolliert, sondern auch die Motivation – gerade der leistungsschwächeren und der weniger engagierten Schülerinnen und Schüler,- erhöht werden.

In den nächsten Wochen und Monaten wird den Lehrkräften, Eltern und Kindern wohl ein Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht bevorstehen. Dies dürfte auch in Bezug auf den zeitlichen Aufwand erneut mit großen Herausforderungen einhergehen. Daher wird es wichtig sein, weiter Daten zu erheben, die zuvor genannten Erkenntnisse einzubeziehen und entsprechend auf die Situation und Bedürfnisse der Beteiligten einzugehen.


[1] https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2020/04/Vodafone-Stiftung-Deutschland_Studie_Unter_Druck.pdf
[2] https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/Ergebnisbericht-Homeschooling.pdf
[3] https://www.iab-forum.de/schulschliessungen-wegen-corona-regelmassiger-kontakt-zur-schule-kann-die-schulischen-aktivitaten-der-jugendlichen-erhohen/
[4] https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/Ergebnisbericht-Homeschooling.pdf
[5] https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/


Kommentar verfassen