Recht auf Ganztag ist noch kein guter Ganztag

Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsident:innen ringen heute um die Finanzierung des Ganztagsausbaus für Grundschulkinder. Eine Einigung in der Kostenfrage ist notwendig für die Einführung des Rechtsanspruchs. Doch Geld allein wird nicht ausreichen. Die Qualität der Angebote sowie Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel müssen jetzt ins Zentrum der Debatte rücken. Sonst bleibt der Rechtsanspruch ein bloßes Versprechen.

Wenn Angela Merkel mit den Ministerpräsident:innen zusammentraf, bestimmte in den vergangenen Monaten zumeist Corona die Tagesordnung. Beim heutigen Gipfeltreffen steht dort jedoch auch ein Thema, bei dem es um die richtigen Weichenstellungen für die längerfristige Zukunft geht: der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Ab 2025, so im Koalitionsvertrag vereinbart, soll jedes Grundschulkind in Deutschland eine verlässliche Betreuung am Nachmittag erhalten. Dass dieses Vorhaben nun auf oberster politischer Ebene abgesteckt wird, ist ein wichtiges Signal und der hohen gesellschaftlichen Bedeutung der Reform angemessen. Doch zunächst geht es dabei nur ums Geld.

Bund muss sich auch an den laufenden Kosten beteiligen

Es ist zu begrüßen, dass der Bund bereits Investitionsmittel von insgesamt 3,5 Milliarden Euro für den Ausbau bereitgestellt hat. Beim heutigen Treffen möchte die Bundeskanzlerin mit den Länderchefs eine Einigung darüber erzielen, inwieweit sich der Bund auch an den laufenden Kosten für das Personal im Ganztag beteiligt. Dass hier eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen notwendig ist, zeigt der Blick auf die Bedarfsprognosen: Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) erwartet, dass 79 Prozent aller Grundschulkinder im Jahr 2025 eine Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen werden. Das entspricht 1,1 Millionen zusätzlicher Plätze im Vergleich zum Jahr 2018.  Berechnungen der Bertelsmann Stiftung sowie des DJI ergaben, dass die Schaffung dieser zusätzlichen Ganztagsplätze sowie die Erweiterung der Öffnungszeiten von bestehenden Angeboten mit rund 5,3 Milliarden Euro Personalkosten pro Jahr zu Buche schlagen. Es ist unumgänglich, dass der Bund einen Teil dieser Last schultert.

Das Geld ist in jedem Fall gut angelegt. Modellrechnungen der Bertelsmann Stiftung zeigen, dass Investitionen in Ganztagsgrundschulen für mehr und bessere Beschäftigung sorgen. Zum einen, weil sie den Bildungserfolg von Kindern steigern, zum anderen, weil sie Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. Davon profitiert auch der Staatshaushalt: Der Ausbau refinanziert sich von alleine. Eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Ganztags, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, spielen allerdings zwei Herausforderungen, die beim heutigen Gipfeltreffen nicht auf der Agenda stehen: Qualität und Fachkräftemangel.

Der Ganztag braucht neue pädagogische Konzepte

Die Einführung des Rechtsanspruchs ist richtig und notwendig, genauso wie die Einigung zu Finanzierungsfragen. Dabei darf es jedoch nicht nur um einen bloßen zahlenmäßigen Ausbau der Angebote gehen. Mehr Ganztagsplätze entlasten zwar berufstätige Eltern, garantieren aber eben nicht automatisch gute Bildung. Wer die Bedürfnisse der Kinder ernst nimmt, muss ihnen vielfältigere Lern- und Entwicklungschancen bieten. In der Praxis bedeutet das: Neue pädagogische Konzepte sind gefragt. Ganztag an Grundschulen darf nicht länger in der starren Trennung Unterricht am Vormittag, Betreuung am Nachmittag ablaufen. Das wird der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes nicht gerecht. Nötig sind flexiblere Strukturen, in denen sich Lernzeiten mit Angeboten und Phasen zur freien Entfaltung abwechseln. Auch das für Kinder so wichtige gemeinsame Spielen sollte nicht länger nur zur Erholung für die nächste Unterrichtsstunde gelten, sondern als eigenständige, wertvolle Handlung, in der sich schon früh wichtige Kompetenzen wie Kreativität, Problemlösungs- und Teamfähigkeit herausbilden können.

Im Kern geht es darum, die Institution Schule in einen Raum der Möglichkeiten für Kinder zu transformieren, in dem sie gerne Zeit verbringen, ihre Fähigkeiten und Interessen entdecken und vielfältige Erfahrungen sammeln. Gerade sozial benachteiligte Kinder profitieren von guten Ganztagsschulen, in denen sie auch außerhalb des Pflichtunterrichts an gemeinsamen sportlichen, musikalischen oder künstlerischen Aktivitäten teilnehmen können. Zweifellos bedarf es einer enormen politischen Anstrengung, um im föderalen Flickenteppich der Bundesrepublik Leitplanken für guten Ganztag zu definieren. Doch die Aufgabe ist zu wichtig, um die Debatte darüber weiter zu vertagen.

Bewältigung des Fachkräftemangels ist eine Herkulesaufgabe

Die Qualität im Ganztag steht und fällt mit dem vorhandenen Personal. Der Fachkräftemangel ist die zweite große Herausforderung: Allein in den Kitas werden 2025 laut Bildungsbericht mindestens 34.000 Erzieher:innen fehlen. Für den Ganztagsausbau für Grundschulkinder stehen dann erst recht keine Erzieher:innen zur Verfügung. Dabei würden alleine für die Ausweitung der Öffnungszeiten bei bereits bestehenden Ganztagsplätzen ca. 11.000 Vollzeitkräfte zusätzlich benötigt, vom weiteren Ausbau ganz abgesehen. Ähnlich sieht es bei Grundschullehrkräften aus. Alleine für die Unterrichtsversorgung am Vormittag  werden im Jahr 2025 mehr als 26.000 Grundschullehrer:innen fehlen. Der zusätzliche Bedarf an Lehrkräften durch den Ganztagsausbau ist hier noch gar nicht berücksichtigt.

Diese Dimensionen machen klar: Geld alleine hilft nicht, die Bewältigung des Fachkräftemangels ist die eigentliche Herkulesaufgabe. Dafür brauchen wir dringend eine Fachkräfteoffensive. Diese setzt zum einen eine Entscheidung darüber voraus, welche Fachkräfte im Ganztag zum Einsatz kommen sollen. Zum anderen bedarf es einer länderübergreifenden Personalbedarfsplanung, die Erzieher:innen für Kitas und für Grundschulkinder im Ganztag ebenso mit einbezieht wie Lehrkräfte für Unterricht und im außerunterrichtlichen Einsatz. Nur durch eine solche ganzheitliche und an die Geburtenentwicklung angepasste Prognose lassen sich größere Ausbildungskapazitäten planen als auch Quereinstiege in pädagogische Berufe gestalten.

Keine Frage: Der Weg zu mehr Qualität und Personal für den Ganztag ist teuer und mühsam. Mit einer Einigung der Kanzlerin und Ministerpräsident:innen über die Finanzierung wäre ein wichtiger erster Schritt getan. Diesem müssen jetzt rasch weitere folgen. Nicht nur, um den Rechtsanspruch auf Betreuung in der Praxis erfüllen zu können, sondern vor allem, um den Kindern die bestmöglichen Zukunftschancen und Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen.

Dieser Beitrag wurde in redigierter Fassung zuerst auf Zeit Online am 2.12.2020 veröffentlicht.

 


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